«Wenn ich den See sehe, geht es mir hier oben nicht so gut»

Spengler Karl Blunschi (67) kniet auf 70-Grad-Metall

 

Auf dem Dach einer Villa am Zürichsee verlegt Spengler Karl Blunschi (67) die letzten Platten. Die Hitze flimmert, der See lockt. Abkühlung gibt es trotzdem nur per Gartenschlauch.

Es gibt Tage, an denen raubt der Ausblick von den Dächern selbst dem erfahrenen Spengler Karl Blunschi (67) den Atem. Wenn die Sonne im Frühjahr über dem Zürichsee aufgeht, das Licht sich im Wasser spiegelt, ein leichter Wind weht – an solchen Tagen geniesst Blunschi seine Arbeit in schwindelnder Höhe. Der heutige Donnerstag gehört nicht dazu.

Denn heute stellt die süttige Hitze alles in den Schatten. Selbst die imposante Villa in Kilchberg ZH, auf deren Dach der Spengler die letzten Aluminiumplatten montiert. Selbst die Aussicht auf den See und das gegenüberliegende Ufer. «Wenn ich den See so sehe, mir das kühle Wasser vorstelle, geht es mir hier oben nicht so gut», räumt Blunschi ein.

Dachdecker bekommt hitzefrei

Ist es am Ende doch wie im legendären Liz-Taylor-Film «Die Katze auf dem heissen Blechdach», in dem die Katze zwar bis zum letzten Moment ausharrt, aber dann doch abhaut? Immerhin ist es jetzt bereits am Morgen auf dem Villa-Dach über 32 Grad heiss – in der Luft. Die Blechscharen erhitzen sich nämlich auf bis zu 70 Grad. Blunschi benutzt Leiter und Frottiertücher, um sich auf dem Dach zu bewegen: «Würde ich das Aluminium mit blosser Haut berühren, hätte ich mich schon lange verbrannt.» 

Aber so schnell gibt dieser Kater nicht auf. Seine Werkzeuge lagert Spengler Blunschi in einem Eimer voll Wasser. Mit einem Schlauch kühlt er sich zwischendurch ab. In 40 Jahren Arbeitserfahrung hat er gelernt, wie er mit Hitze umgehen muss. «Körperlich kann ich auch solche Tage stemmen. Schwindelig wird mir eigentlich nie», sagt er.

Bei Temperaturen von über 34 Grad sei aber Schluss. Er springt zwar nicht runter wie die Katze, aber er gehe doch lieber heim, als auf dem Dach eine «Herzbaracke» zu erleiden. Chef Daniel Haubenschmid (44), Geschäftsführer bei der Spezida AG, versteht das: «Wenn es so heiss ist wie heute, dürfen meine Mitarbeiter nach dem Mittag gehen.»

Lieber schwitzen statt wecken

Länger währende Hitzewellen stellen die Firma darum vor ein Problem. Der Zeitplan ist eng getaktet, die Arbeiten exakt aufeinander abgestimmt. Verzögerungen kosten. Haubenschmid: «Vor sieben Uhr, wenn es selbst im Hochsommer noch angenehm wäre, dürfen wir gar nicht arbeiten. Sonst drohen Lärmklagen.»

Die Bauarbeiten an der Villa in Kilchberg konnte die Firma trotz der aktuellen Hitze-Woche rechtzeitig fertigstellen. Am Montag wird das Gerüst abgebaut und die Arbeit am Haus an Eigentümerin Monique Hollinger übergeben. Blunschi ist stolz auf sein Werk – und erleichtert: «Ich springe jetzt erst einmal in den See. Oder gehe in die Badi.» Er ist eben doch ein spezieller Dach-Kater.